Interview >> The Wohlstandskinder vom 06.02.2004 by mieschka II teil 1
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Ja, warum sollte es denn auch beim ersten Mal klappen? Vor ca. 3 Jahren, am Anfang meiner kleinen, bescheidenen „Journalistenkarriere“, machte ich mein allererstes Interview mit den sympathischen Jungs aus Köln, die gerade ihr 4. Album „En Garde“ veröffentlicht hatten. Als Fan der Band war ich natürlich ein wenig voreingenommen, hatte aber dafür jede Menge Fragen an sie. Ich stellte ihnen knapp eine Stunde lang alle möglichen Fragen & stellte am Ende fest, daß der Tonmann im Studio das Interview gar nicht aufgenommen hatte. Super! Glücklicherweise waren die Herren so nett & ließen das ganze noch einmal über sich ergehen. Und ich war so glücklich…

Mittlerweile sind, wie gesagt, 3 Jahre ins Land gezogen und in dieser Zeit hat sich eine Menge getan. Sie sind vom, genauso sympathischen Indielabel VITAMINEPILLEN zu MOTOR gewechselt & füllen immer größere Hallen. So auch wieder am vergangenen Donnerstag, den 29.1.. Es war schon komisch, die Band mal nicht im Wild at Heart zu sehen, wo sie die letzten Male immer gespielt haben, wenn man vom Supportkonzert von SUM 41 im letzten Jahr im ColumbiaFritz bzw. dem kleinen Gig im Oktober in der Kalkscheune absieht. Da bei diesen Konzerten aber das selbige schon fast immer aus den Nähten platzte, hätte es dieses Mal, nach Airplay auf diversen Radiostationen, VIVA usw. aber sicher nicht mehr gereicht. So zog man diesmal ins Kesselhaus.

Relativ früh fand ich mich dort ein, um, weil ja eben so viel geschehen ist, den Jungs abermals das Mikro unter die Nase zu halten & ihnen ein paar Fragen, rund um das neue Album ‚Dezibelkarate' zu stellen. Mehr oder weniger spontan erklärten sich Türk und Raki dazu bereit & während der Rest über das Catering her fiel, kletterten wir 3 Stockwerke nach oben, um in aller Ruhe ein Gespräch zu führen. Ja, Gespräch, das ist das richtige Wort. Wieder knapp eine Stunde stellte ich ihnen Fragen über Gott und die Welt, die verdammt ehrlich beantwortet wurden und für einige Ohren vielleicht gar nichts gewesen wären. Und was passiert? Mein blöder MD-Recorder speichert das Interview nicht richtig ab & alles ist verloren…. Ein Fluch? Ich berichte also den Jungs von meinem Malheur & wir können eigentlich nur noch darüber lachen, da so was ja irgendwie wieder kommen musste. Nett, wie sie aber sind, geben sie mir noch mal eine zweite Chance. Entweder noch am selben Abend, während die Vorband PERSONA NON GRATA spielt, oder eben am nächsten Morgen, während des Frühstücks.

Letztlich ist letzteres daraus geworden, weil ich mal eben die Leute zählte, die bezahlt haben. 389 oder so sind es letztlich daraus geworden. Nicht schlecht für Belin auf einem Donnerstag. Und es werden immer mehr. Gut so.

Also am nächsten Morgen, nach einem Super-Konzert & halbwegs langen Nacht, in ein kleines Kaffee in die Schönhauser Allee gefahren & das ganze noch einmal probiert. Und YEAH! Diesmal ist es auch was geworden.

Aus Rücksicht wegen der langen Nacht (Caddy war zuvor 2 Tage nüchtern geblieben!!!) kürzte ich meinen Fragenkatalog etwas, um der Band vor ihrem bevorstehenden Auftritt in Rostock nicht alle Kraftreserven zu nehmen. Trotzdem, denke ich, lassen die Antworten Euch ein bisschen mehr über die Band erfahren. Und ich wünsche ihnen alles erdenklich Gute auf ihrem Weg weiterhin. Immer wieder gern werde ich zu einem Konzert von ihnen gehen. Kauft Euch ALLE ihr neues Album und lernt, falls ihr es nicht eh schon tut, handgemachte Musik zuschätzen & zu lieben. Danke an "Josi Joghurt" für´s abtippen & Here we go:

S - Silver, C - Caddy, T - Türk, R - Raki


Nach 2 bzw. 3 VÖ-Terminverschiebungen. Wie fühlt man sich, daß nun die Platte nach all den Verzögerungen nun doch endlich erscheint / erschienen ist? Zumal die Songs ja teilweise über ein Jahr alt sind.

R: Ach Du Scheiße. Heute habe ich nicht mehr ganz so viel Elan wie gestern, wo wir das schon mal beantwortet haben. Aber, natürlich freuen wir uns sehr, daß wir jetzt endlich mal unser Gesicht wahren können und nicht wieder neue Ausreden erfinden müssen. Und den Fans wieder erklären müssen, warum die Platte jetzt wieder nicht kommt.

Erzähl doch mal ein wenig über die Entstehung des Albums. Wie gestaltete sich die Arbeit mit Olaf Opal, Eurem Produzenten? War´s das erste Mal mit einem Produzenten zusammen zu arbeiten? Hat er Euch viel reingeredet? Inwiefern nahm er Einfluss auf die Songs?

 S: Also die Arbeit mit Olaf war super. Wir haben uns das eigentlich alles ganz anders vorgestellt. Wenn ein Produzent dabei ist, hatten wir uns gedacht, daß richtig viel reingefuscht wird, richtig viel vorgeschrieben wird. Aber das war überhaupt nicht so. Wir hatten die Möglichkeit, mehrere Produzenten kennen zu lernen. Haben uns für Olaf entschieden, haben uns dann mit ihm in den Proberaum gesetzt, sind dann die Stücke durchgegangen. Und im Endeffekt hat er, glaube ich, sich dann da hingesetzt und hat vielleicht mal gesagt: „Mach mal den Break vielleicht lieber zu dem hin“ oder so was und das war´s auch. Und ja im Studio war es super, daß unser Mainstreamrock auf so einen ziemlich durchgeknallten Soundfetischisten getroffen ist. Und das gab dann, naja, ein gutes Endresultat, würd ich mal sagen.

Du hast mal in einem Interview angedeutet, oder gesagt, daß Du die DEZIBELKARATE als Euer erstes richtiges Album siehst. Also als ein schlüssiges Ding. Ist es dafür aber nicht so, daß die vergangenen Alben, auch wenn mal ein Song aus dem Rahmen fiel, abwechslungsreicher waren? Waren die anderen Platten denn soooo schlecht?

S: Also ein Album betrachte ich wie ein, ja, wie ein Fotoalbum. Ein Lebensabschnitt. Ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr, was da an Emotionen, an Erlebnissen mit rein gepackt wird. Und das war bei allen Alben, die wir aufgenommen haben schon immer so. Nur irgendwie war es bei diesem Album so, daß wir endlich mal auf den Punkt gekommen sind. Genau so war dieses halbe Jahr. Es gibt ja einen roten Faden, der sich durch alle Stücke zieht. Und ich finde, sie sind trotzdem Abwechslungsreich.
Ein Album muss nicht wie aus einem Guss klingen und nicht abwechslungsreich sein. Die Alben davor, das war alles mehr so Patchworkarbeit. Also im Nachhinein betrachtet klingt das eher so. Und das finde ich halt dabei super, daß es einfach ein total schlüssiges Gesamtwerk ist und nicht nur die einzelnen Stücke. Das heißt aber nicht, das die Anderen schlechter sind - das auf keinen Fall!

T: Darüber hatten wir uns ja schon unterhalten, daß wir da auch unterschiedlicher Meinung sein können. Für mich ist das schon das sechste Album, was wir gemacht haben. Weil gerade ein Zeitgefühl einzufangen, das hat die „Für Recht und Ordnung“ sehr gut gekonnt, so waren wir damals halt einfach. Und die Poppxapank eigentlich genauso. Das was Honolulu grad für die „Dezibelkarate“ erzählt hat, stimmt eigentlich für jede Platte.

Ich weiß nicht, ob ich es positiv oder negativ finde - Die zweite und dritte Stimme, die auf den letzten Alben sehr dominant zu hören waren sind ein wenig in den Hintergrund gerückt worden. Auch was Percussion anbelangt…

S: Ja, das ist einerseits von uns ausgegangen, andererseits auch von Olaf, der da sehr drauf hingedrängt hat. Außerdem ging es mir und der Band ziemlich auf den Sack, daß gerade die Backgroundstimmen sehr, sehr laut waren und das sie mit der Hauptsimme fast nicht mehr auseinander zu halten waren und das kann man eigentlich nicht bringen, das war einfach nicht schön. Und deswegen war es uns wichtig, daß solche Sachen einfach da sind, die Arbeit war genau die Selbe und genauso viel, nur das alles subtil in den Hintergrund gerückt wurde. Das heißt, du hast im Endeffekt denselben Effekt, aber du weißt genau `Da ist die klare Gesangslinie´ und das Ganze wird trotzdem aufgefüllt. Mit Percussion war es genauso, also wir haben eigentlich genauso viel Schnickschnack wie auf allen Studioalben, die wir bis jetzt hatten, nur haben wir diesmal vielmehr mit handgemachten Sachen gearbeitet.

Also wenn wir früher einfach mal einen Synthie benutzt haben, um irgendein Geräusch zu erzeugen, haben wir uns diesmal wirklich einen Abend hingesetzt, eine Flasche Rotwein aufgemacht, einen Geigenbogen ausgepackt, die Gitarre bespielt und der Olaf hat dann noch Tausende von Fußschaltern zwischengeschaltet und wir haben einfach total kranke Sachen an Sound entwickelt. Bei den Percussion genauso. Caddy hat irgendwelche Loops eingespielt, die dann total verzerrt und verfremdet worden sind.

C: Hehe, damit ich endlich auch mal was erzählen kann...
Die Percussiongeschichte war ein geiles Ding. Beispielsweise: Du nimmst einen Haufen Schrott. Einen Haufen Blechschrott, schmeißt ihn auf den Boden, hängst in eine Ecke des Studios ein total empfindliches Mikrophon und kloppst dann auf diesem Schrott mit Stöcken rum und es hört sich nicht mal mehr im Entferntesten nach dem an, was es eigentlich ist - ein Haufen Schrott. Es hört sich an wie ein Drum-Loop. Wenn du das dann zurechtschneidest und noch mal verzerrst...Also quasi handgemachte Elektronik. Super!

T: Was auch sehr auffällig ist, ist ja, daß wir komplett davon weggekommen sind Fremdmusiker dazu zunehmen, die irgendwas einspielen, zum Beispiel Saxophon. Das war halt so, daß wir das ganz klar strukturiert haben wollten. So ist das live, so bringen wir es und so soll es auch auf Platte sein.

Auf dieser Platte sind ja auch keine Bläser zu finden....

C: Ja, wir haben uns da auch eigentlich keine Gedanken drüber gemacht. Wir wollten nicht so zwanghaft „Hach, jetzt müssen wir noch ein paar Ska-Stücke rein machen“. Also die Ska-Stücke, die du von uns kennst, die auf den ganzen vorherigen Platten drauf sind, die kamen auch ganz einfach so. Dann hat der Silver meinetwegen eine kleine Melodie zwischendrin gesungen und wir dachten uns, daß es geil wäre, wenn das jetzt Bläser wären. Ja. Dann haben wir es auch ganz einfach so gemacht. Aber da uns ganz einfach diese Stücke und diese Ideen im Moment nicht kamen, also wir denken uns ja nicht „Oh, jetzt fehlen noch 3 Ska-Songs für die Platte. Die müssen wir jetzt mal ganz schnell schreiben“. Von daher gibt es auch keine Bläsermelodien. Wir haben mehr auf Gitarrenrock gemacht.

 In „Einer von Millionen“ / „Heute kein Morgen“ kommt es mir so vor, als beschäftigst Du Dich mit dem alten Thema: „Wo komme ich her, wo geh ich hin?“. Was würdest Du machen, wenn es heute kein Morgen mehr geben würde…?

S: Mmmhh...Genau das Selbe, was ich heute auch mache! Also, im Endeffekt: Rühreier mit Schrimps essen - sehr lecker übrigens! Ne, das Stück „Heute kein Morgen“ ist ja eigentlich im Endeffekt nur eine Sache: „Sei einfach nur von dem überzeugt, was du machst!“ Und wenn du dir die Frage stellst: „Was wäre, wenn ich morgen sterben würde?“, „Habe ich alles richtig gemacht?“ oder „Fühle ich mich gut, wie ich jetzt lebe?“ Und vielleicht würde ich meine ganze Knete auf den Kopf hauen, wenn morgen der Weltuntergang wäre, aber die Lebensphilosophie, die wir im Moment haben, halt ich für total gut, für richtig und das kann ich so unterschreiben!

Nebenbei - würde mich mal interessieren - Hast Du Angst vor dem Tod?

S: Ne. Vorm Sterben vielleicht, aber ganz bestimmt nicht vorm Tod.


weiter gehts im 2.teil >>


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